1Wenn ein Bus mit 50 Mitarbeitern bei uns ankommen würde, könnten wir in unserer Arbeit mit Drogenabhängigen noch viel mehr tun und bewirken. Diesen Wunschgedanken hatten wir in den vergangenen Monaten häufiger. Tatsächlich ist am 18. August ein „Bus mit 50 Mitarbeitern“ in Hannover angekommen – zu „Summer in the City 2019“. Es waren sogar 55 Mitarbeiter, die vom 18.08.-24.08.19 an der Einsatzwoche in der Drogenszene Hannovers teilnahmen. Drei Teilnehmer waren zum ersten Mal da, alle anderen sind in den vergangenen Jahren schon einmal oder mehrmals dabei gewesen. Dadurch waren sie eine enorme Unterstützung für uns hauptamtlichen Mitarbeiter und vieles lief Hand in Hand – die Arbeit im Drogenkontaktcafé Bauwagen, viele Einsätze zu unterschiedlichen Drogenszeneplätzen, Methadonvergabestellen und Wohnunterkünften in Hannover wie auch die zahlreichen hauswirtschaftlichen Tätigkeiten im Hintergrund.

Es fanden dieses Mal viele Einsätze beim Stellwerk statt. Das Stellwerk ist eine Einrichtung von der STEP hinter dem Hauptbahnhof Hannover. Sie bietet drogenabhängigen Menschen einen Konsumraum, saubere Spritzen, eine warme Mahlzeit, sanitäre Anlagen, eine medizinische Ambulanz und Beratung an. Vor dem Stellwerk ist ein großer öffentlicher Platz, auf dem sich Drogenabhängige zu fast jeder Tages- und Nachtzeit treffen, um zusammen zu konsumieren und abzuhängen. Drogenabhängige und Drogendealer laufen dort hastig hin und her, die einen auf der Suche nach neuem „Stoff“, die anderen auf der Suche nach Käufern. Viele sitzen in kleinen Gruppen gemeinsam auf dem Asphalt, mischen Drogensubstanzen zusammen und konsumieren. Einer spritzt dem anderen den „Stoff“. Anschließend sacken viele immer weiter in sich zusammen, können ihre Augen kaum noch offen halten und vegetieren in der prallen Sonne bei nahezu 40 Grad vor sich hin. Sie so zu sehen, ist schockierend – das Leben scheint immer mehr aus ihnen zu weichen. Es rüttelt uns immer wieder wach und zeigt uns, dass wir genau hierhin gehen sollen, um den Menschen Gottes Liebe und Hoffnung auf ein verändertes Leben zu bringen.

2Wir haben während „Summer in the City“ den Versuch gestartet, nicht nur tagsüber, sondern auch am Abend mit einem Team und unserem Mini-Shuttle mit Kaffee, Wasser und belegten Brötchen zum Stellwerk zu gehen. Das kam sehr gut an. Viele Drogenabhängige kamen auf uns zu, weil sie uns schon kannten, und freuten sich über die belegten Brötchen und Getränke. Am Abend empfanden wir die Atmosphäre dort unruhiger als tagsüber. Viele liefen auf dem Platz hin und her, riefen sich laut etwas zu und wirkten sehr getrieben. Andere saßen in kleinen Gruppen auf dem Asphalt, mit Taschenlampen bestückt, um bei der hereinbrechenden Dunkelheit weiter konsumieren zu können. Wir standen mit unserem Tisch in der Mitte des Platzes, als einer unserer Mitarbeiter seine Gitarre auspackte und Lobpreislieder spielte.
Spontan bildeten wir um ihn herum auch eine kleine Gruppe und sangen mitten in die Finsternis dieses Ortes hinein Lieder von Gottes Liebe, seinem Licht und von der Hoffnung, die Jesus schenkt. Liedzeilen wie „Herr, im Glanz deiner Majestät, auf den Stufen vor deinem Thron stehen wir in deinem Licht und singen dir Lieder“ gewannen an diesem Ort eine ganz neue, tiefere Bedeutung.

3Max (Name geändert) hat vor Jahren bei uns Therapie gemacht und schlich um den Bauwagen herum. Es war mit Drogen rückfällig und schämte sich dafür. Ein Teilnehmer erkannte ihn und sprach ihn an. Daraufhin hatte er in der Woche viele Gespräche mit unterschiedlichen Mitarbeitern und mit jedem Gespräch kehrte die Hoffnung und Sehnsucht nach einem anderen Leben mehr zurück. Am Ende der Woche gab es ein Beratungsgespräch – er konnte seine Scham überwinden und entschloss sich für eine erneute Therapie. Die häufigen Gespräche durch die Einsatzwoche sind wie Puzzleteile, die Gott gebraucht und zusammenfügt.
Jim war vor längerer Zeit in der Clearingstation und wollte es ohne Therapie schaffen. Er wurde rückfällig, brach die Entgiftung ab und kam in dieser Woche nur mit dem, was er am Leib trug, in den Bauwagen. Alles war weg, er hat draußen geschlafen und war völlig fertig. Er wollte jetzt und hier aussteigen und neu anfangen. Ein Teilnehmer konnte ihn wenige Stunden später in das Auffanghaus Neues Land nach Bremen bringen, so dass direkte Hilfe möglich war.

Mit unterschiedlichen Teilnehmern sind wir nach Hamburg, Bremen und Braunschweig zu den Drogenszenen gefahren. Alisha Giebel schreibt Folgendes über den Einsatz in Hamburg: „Dass Hamburg eine große Drogenszene hat, war uns bekannt. Aber was uns am Mittwochmittag auf einem der drei größten Szeneplätze erwartete, überstieg zum Teil doch unsere Vorstellungskraft. Da wir ausreichend Mitarbeiter waren, konnten wir uns gut aufteilen, um Interessierte auch mit Gespräch und Infos über unsere Arbeit zu versorgen und über unser Ziel des Tages zu berichten. Auch war Zeit, das Geschehen, in welchem wir gelandet waren, auf sich wirken zu lassen. So einiges erschloss sich vor unseren Augen:
Menschen, auch direkt neben unserem Bus, die versuchten, sich gegenseitig in den unterschiedlichsten und verstörendsten Arten beim Konsum ihrer Drogen zu „helfen“.
Viele junge Frauen, verbraucht und erschöpft, viele gerade um die zwanzig oder auch jünger. Eine Messerstecherei zwischen 5 jungen Männern, woraufhin zweimal Polizei und Krankenwagen anrückten.
Ein Auto, aus dem jemand ausstieg, um kurz eine Kiste mit Essen auf der Wiese abzustellen und schnell wieder das Weite zu suchen. Kurze Zeit später ein alter Mann, der mit seinem PKW auf den Platz fuhr und aus seinem Kofferraum Sandwiches auspackte, um sie persönlich an die Menschen zu verteilen.
Und hunderte von Tauben, die das Bild von hektischem Treiben und Schmutz noch verdichteten.
Viele der Menschen kamen nur kurz, um bei uns Kaffee oder Wasser abzugreifen, doch manche blieben interessiert stehen und stellten Fragen zu unserer Arbeit. Wir konnten Mut für ein suchtfreies Leben machen, motivieren, die Entgiftung anzutreten und sich danach in der Clearingstation zu melden oder auch Worte der Wahrheit aus dem Wort Gottes weitergeben.
Es war, verglichen mit der großen Menge an Menschen, nur ein kleiner Teil, aber dieser schien meist vorbereitet auf und offen für unsere Worte zu sein.
Deutlich wurde in den Gesprächen, was für ein Sog dieser Ort war. Keiner wollte wirklich hier sein. Viele berichteten mit Tränen in den Augen über ihre gefühlte Ausweglosigkeit, die an diesem Platz herrschte, manche waren erst seit ein paar Monaten dort, andere schon viele Jahre. Die Abhängigkeit von den Substanzen, von der ständigen Präsenz der Dealer, aber auch von den konsumorientierten Beziehungen lassen die Menschen nicht los. Die selbstgeglaubte Würdelosigkeit, in welche so viele bereits versunken waren, erschütterte uns mit jeder Stunde mehr, die wir dort verweilten.
Da war es schön, den Platz mit Lobpreis zu füllen. Die Atmosphäre änderte sich für einen Moment und so manche kamen und setzten sich in unsere Nähe.
Verglichen mit dem Leid fühlt sich ein solcher Einsatz an wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber zum Glück dürfen wir wissen, dass unser Gott größer ist als unsere kleine Kraft.“

 

4Auch dieses Jahr gab es während der Woche mehrere Einsätze, die gezielt alkohol- und drogenkonsumierende Jugendliche in der Innenstadt aufsuchte.
Höhepunkt war u.a. ein Grillfest am Freitagabend am Bauwagen für Jugendliche. Wir sind immer wieder überrascht, wie viele Jugendliche ihre Nöte uns anvertrauen, für sich beten lassen und offen für das Evangelium sind.
Alisha Giebel schreibt dazu: „Gegen 23 Uhr füllten sich die Plätze so, dass wir mit zwei Biertischgarnituren nachrüsten mussten. Denn das Team hatte gute Arbeit geleistet: Vom Opernplatz aus musste unser Bulli als Shuttle dienen, um den ersten Schwung zum Bauwagen zu bringen, ein weiterer Trupp folgte zusammen mit den Mitarbeitern zu Fuß. Die restlichen Einladungen tätigten die Jugendlichen selbst, indem manche ihre Freunde anriefen, um ihnen den Weg zu unserem Bauwagen zu erklären. Am Ende zählten wir über den Abend verteilt ca.40 Gäste (im vergangenen Jahr waren es höchstens 20 :-) ).
Salate und Würstchen wurden fröhlich verzehrt, dank Kicker, Musik und guter Gespräche herrschte eine ausgelassene Atmosphäre. Wir freuten uns, dass die Jugendlichen zum Großteil von sich aus ohne unsere Hinweise auf Alkohol am Gelände verzichteten. Viele gute Gespräche und manche Gebete kamen zu Stande, gleichzeitig wurde aber auch die tiefgreifende Not deutlich, in der viele Jugendliche feststecken. So manche Teens, die wir im letzten Jahr am Bauwagen zu Gast hatten, sahen müder und mitgenommener aus. Drogenkonsum war bei fast jedem Thema. Manche hatten den Konsum bestimmter Substanzen eingestellt, doch Alkohol und Cannabis bleiben bei den meisten alltägliche Begleiter.
Trotz eines erfüllten und gesegneten Abends mit weitaus mehr guten Begegnungen als wir vermutet hatten, blicken wir mit Sorge auf diese junge Personengruppe. Sucht, Depression, Orientierungslosigkeit, Verzweiflung, Selbstverletzung, u.v.m. machen für viele das aktive Bauen an einer gesunden Zukunft fast unmöglich.
Wir wünschen uns, dass wir in der kommenden Zeit weiter an dem bauen können, was bereits entstehen durfte. Denn der Grillabend war für uns auch ein Lohn der vergangenen Monate, in denen wir uns auf den Weg gemacht haben, die Herzen der jungen Menschen zu suchen und zu verstehen. Wenn du Lust hast, uns dabei zu unterstützen, sei es praktisch oder durch Gebet, dann melde dich bei Alisha Giebel unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

Wir haben eine Gebetsmail, die wir monatlich versuchen rauszuschicken. Wenn du in den Verteiler möchtest, dann sag gern Bescheid. Wir sind Gott sehr dankbar, dass er uns in dieser Woche so beschenkt hat. Er liebt diese Teens & Twens und hat auch für sie Zukunft und Hoffnung im Sinn. Diese Botschaft wollen wir ihnen nicht vorenthalten.“

Der Dreh- und Angelpunkt während unserer „Summer in the City“-Woche war unser Drogenkontaktcafé Bauwagen unter der Raschplatzhochstraße. Dort gab es jeden Tag ab 13:00 Uhr ein kostenloses warmes Mittagessen für die Menschen aus der Drogenszene. Das wurde so gut angenommen, dass unser Küchenteam jeden Tag zweimal gekocht hat. Im Bauwagen fanden in diesen Tagen viele Begegnungen und Gespräche statt. Jeden Nachmittag hielt einer unserer Mitarbeiter eine Andacht mit dem Anliegen, die drogenabhängigen Menschen in ihrer jeweiligen Lebenswelt abzuholen und ihnen Gottes Liebe nahe zu bringen. So ging es z. B. in einer Andacht um das Gleichnis vom verlorenen Sohn aus der Bibel. Einige Drogenabhängige brachten sich mit ihren Gedanken ein.

Vor dem Bauwagen fand auch am 24.08. von 13:00-16:00 Uhr unser jährliches Som-merfest für die Menschen aus der Drogenszene statt. Es kamen schätzungsweise ungefähr 300 Menschen und wir erlebten mit ihnen das beste Sommerfest seit Jahren. Es war eine unglaublich friedliche Atmosphäre. An verschiedenen Ständen haben wir den Besuchern aus der Szene kostenfrei verschiedene Salate, Würstchen, Kuchen und Getränke ausgegeben. Sie saßen an Tischen zusammen und erlebten Gemeinschaft untereinander sowie mit unseren Teilnehmern von „Summer in the City“. Dabei konnten sie die Erfahrung machen, dass sie auch ohne Drogen feiern, sich freuen und sowohl echte Gemeinschaft als auch ein Zugehörigkeitsgefühl erleben können.

Während die Band das Lied „Lobe den Herrn, meine Seele“ spielte, initiierten zwei Teilnehmer von „Summer in the City“ ganz spontan eine Polonaise. Mit jeder Runde, die sie über den Platz tanzten, schlossen sich immer mehr Sommerfest-Besucher der Polonaise an. Es war unglaublich zu sehen, was Musik und das Lob Gottes auslösen können und wie es Menschen, die völlig unterschiedlich sind, miteinander verbindet. Die Herrlichkeit Gottes erfüllte dieses Sommerfest auf besondere Weise. Einigen liefen Freudentränen über das Gesicht.

 

5Durch die Einsatzwoche sind wir neu motiviert, weiterhin und verstärkt in die Drogenszene zu gehen. Betroffene haben immer wieder Angst auszusteigen, da sie den Entzug und die Folgen fürchten – aber Gott bleibt an ihnen dran – es gibt keinen hoffnungslosen Fall!
Wir danken allen Teilnehmern von Herzen für ihr großes Engagement, mit dem sie „Summer in the City“ möglich gemacht haben. Es freut uns sehr, dass vielen unsere Arbeit und die Menschen in der Drogenszene so auf dem Herzen liegen, dass sie schon seit Jahren immer wieder zu unseren Einsatzwochen nach Hannover kommen.
Danke auch an alle Freunde des Neuen Landes aus unterschiedlichen Gemeinden, die für „Summer in the City“ gebetet und uns Salate oder Kuchen für unser Sommerfest gespendet haben. Ebenso danken wir Jörg Machail, Pastor der Koinonia-Gemeinde, ganz herzlich, dass er unsere Einsatzwoche geistlich geleitet und uns jeden Morgen mit seiner Bibelarbeit gestärkt, erfrischt und herausgefordert hat.

Daniela Keil / Michael Lenzen