"Die Leute staunen, dass ich vor 20 Jahren auch Therapie gemacht habe…"

Ich bin jetzt im 3. Jahr vollzeitiger Mitarbeiter im Neuen Land. Als Arbeitstherapeut habe ich mit all denen zu tun, die heute Therapie machen. Ich werde kritisch beäugt, genau so wie ich früher einmal die Mitarbeiter beobachtet habe. Wenn sie dann erfahren, dass ich im Grunde einer von ihnen bin, können sie es oft nicht glauben. Sie denken dann, na, der war bestimmt nicht so drauf, wie wir heute. Und ob! Wenn die wüssten!

Ich war ein voll unruhiger Typ. Ein Rebell durch und durch. Habe das ganze Spektrum von Begleiterscheinungen einer Junkie-Karriere durchlebt. Ich hatte keine Lebensmitte. Alles wankte und schwankte. Ich war getrieben und durchtrieben. Drogen, die ganze Palette, Sex-Abenteuer en masse, Beschaffungskriminalität ohne Ende. Meine Welt war kaputt von Anfang an. Kein Vertrauen zu irgendjemandem. Dauernd hin- und hergezogen. Unstet. Unzählige Entzüge reihten sich aneinander. Dazwischen Therapieversuche. U-Haft. Alles, was man sich denken kann.

Dabei bin ich in einer unheimlich schönen Ecke Deutschlands groß geworden, direkt hinter dem Deich mit ganz viel Natur. Wunderbar. Aber das war leider nicht alles. Mir fehlte es an allem, was menschlich wichtig war. Mein Vater war fast nie da. Er fuhr zur See. Meine Mutter hatte mich nicht im Griff. Keine Grenzen, keine Konsequenzen. Ich machte, was ich wollte und ließ mir von niemandem etwas sagen. Wir waren 4, später 6 Geschwister. Ein prägendes Erlebnis meiner Kindheit war, dass ich einmal mit 3 Jahren in einen Brunnen gefallen war und dort so lange gefangen war, bis mich ein 15-jähriger Junge rausgezogen hat. Dieses beklemmende Gefühl, dort im Dunkeln gefangen zu sein, musste ich mir durch ganz viel Freiheit und Abenteuer abstrampeln.

Obwohl wir eine große Familie waren, lief wenig Kommunikation. Ich hatte wenig Ansprache. Zwischenmenschlich war alles kaputt. Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich 12 Jahre war. Meine Mutter hatte schnell einen neuen Mann. Ich konnte ihn auf den Tod nicht ab. Arbeiten und saufen war seine Devise. Ich bin dann mit 13 Jahren zu Hause abgehauen nach Hamburg. Dort verwahrloste ich schnell, habe geklaut, gekifft und getrunken. Die Polizei griff mich auf und brachte mich zurück in das Chaos meines Zuhauses. Dann ging's richtig los. Ich kam in ein Internat (Christliches Jugenddorf). Da waren wir 150 Jungs auf 'm Haufen. Das war lustig. Wir machten was wir wollten und Drogen und Alk waren an der Tagessordnung.

Zurück zu Hause wurde ich immer rebellischer. "Trau keinem über 30", war meine Devise. Ich war nicht zu zügeln. Das zog sich durch mein ganzes Leben. Immer wieder lernte ich andere Mädchen kennen, mit denen ich zusammen ging. Bereits mit 17 Jahren heiratete ich dann eine von ihnen, weil ein Kind unterwegs war. Sie war eine notorische Fremdgängerin. Wir wurden bald geschieden und alles lief weiter. Dazu kamen immer länger andauernde Heroinphasen. Irgendwann ging nichts mehr.

Ich wohnte mit jemandem zusammen, der das Neue Land kannte. Er erzählte mir in den höchsten Tönen davon und gab mir ein Aufnahmeformular. Das kam genau zur richtigen Zeit. Ich wollte nix mehr mit Drogen, ich hatte kein' Bock mehr auf dieses bescheidene Leben. Ich landete dann tatsächlich im Neuen Land – das war 1989. Ich war 32 Jahre alt. Damals gab es noch kalte Entzüge. Das war tierisch. Ich kroch auf allen Vieren und konnte nicht mehr. "Haste es schon mal mit Beten versucht", fragte mich jemand. Da ich schon immer eine gewisse Offenheit für alles hatte, was mit Jesus zu tun hatte, betete ich: "Jesus, wenn es dich gibt, hilf mir bitte". Ich konnte dann am nächsten Tag aufstehen und war durch. Das war mein Kick zu Jesus. Der hat mich seitdem nicht mehr losgelassen.

Ich habe dann meine Therapie voll durchgezogen: 12 Monate und 6 Monate Nachsorge. Ich passte da hinein. Ich konnte den Menschen vertrauen. Sie waren echt und authentisch. Ich fühlte mich dort zu Hause. Ich liebe Ehrlichkeit und Wahrheit und konnte dort viel lernen. Auch Geduld, was bisher ein Fremdwort für mich war. Und ich erlebte manche Wunder und machte meine Glaubenserfahrungen. Gott hat immer wieder zu mir geredet. Einmal sagte er mir: "Mach ein Lebensgeständnis. Geh zum Richter und mach alles auf." Ich ging zum Richter – mit weichen Knien. Ich hatte unheimlich viel offen. "Ich muss was loswerden", sagte ich dem Richter. Der schickte mich weg und sagte "Das interessiert mich nicht". Das hat mich hundsgemein erleichtert. Ich werde das Gefühl nie vergessen. Hinterher wusste ich, Gott wollte mich prüfen.

Allmählich bin ich immer mehr zur Ruhe gekommen und konnte mir in die Augen sehen. Gott hat weiter in meinem Leben gewirkt, auch wenn noch manche Umwege dabei waren. Aber ich habe immer wieder die Stimme Gottes gehört, der mich durch alles hindurch führte.

Wie gesagt, die Therapie ist 20 Jahre her.

Später habe ich eine Dachdecker-Ausbildung gemacht und als solcher gearbeitet. Habe geheiratet (Heike), habe eine Tochter, habe ehrenamtlich die Holzmindener Tafel ins Leben gehievt und mache da heute noch mit – neben meiner Arbeit im Neuen Land, die ich mit ganzem Herzen liebe und ausfülle. Ich freue mich, dass ich Menschen mit Rat und Tat zur Seite stehen darf. Ich bin davon überzeugt, dass sich jeder bei Gott einbringen kann mit dem, was er hat und kann. Und was gibt es Schöneres als wirklich gebraucht zu werden? Das gilt ganz bestimmt auch für dich!"

Peter