"Mir wurde warm ums Herz, wenn ich ans Neue Land dachte…"

"Ich hatte so viel Gutes darüber gehört, im Knast und auch auf der Straße. Alle sprachen sehr wertschätzend über ihre Begegnungen mit Leuten vom Neuen Land. Und es sprach mich auch an, dass das Christen sind. Da wollte ich hin! Ich hatte echt die Schnauze voll von Drogen und von Lügen und Selbstbetrug. Ich brauchte neues Land unter meine Füße.

Aber ich war im Knast und hatte 'ne Kostenzusage für Düsterntal (eine andere Therapieeinrichtung). Was tun? Ich kämpfte und betete, es war ein umständlicher Weg, aber ich bekam es hin. Die Kostenzusage wurde umgeschrieben.

Ich ging ins Neue Land – direkt aus dem Knast. Ein Vollzugsbeamter brachte mich hin. Zunächst ins Auffanghaus (Clearing-Station Steintorfeldstraße Hannover). Da war es so ganz anders als ich es erwartet hatte. Da war Leben, da war Trubel. Ich erlebte Wertschätzung. Ich hörte Musik, wo von Gott gesungen wurde. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Eigentlich hätte ich auch wieder gehen können, aber ich blieb – es war irgendwie gut dort. Vieles war hier so anders, so persönlich, so freundlich, so vertrauensvoll. Es war ganz schön neu für mich. In den Tagen dort fing ich an zu beten "Lieber Gott, wenn es dich gibt, lass mich vertrauen können". Und es tat sich mir ein neuer Weg auf. Davon später ein wenig mehr.

Wie war ich so weit gekommen?

Nun, mein Leben war, um es gelinde auszudrücken, recht bescheiden. Mal habe ich es mehr und mal weniger gespürt. Ich bin ein Scheidungskind. Meine Eltern wurden geschieden. Mein Vater ist inzwischen verstorben. Er war Steinsetzer. Ich bin auf dem Land groß geworden.

Ich lernte Zimmermann. Nach der Ausbildung war ich arbeitslos. Das war ich öfter mal. Ich fühlte mich abgeschoben, hatte viel Zeit. Ich hing mit andern Leuten rum und begann zu kiffen. Diese Kifferkreise waren so etwas wie mein Zuhause geworden. Am Anfang war das alles wahnsinnig toll. Ich las damals das Buch von Christiane F. "Die Kinder vom Bahnhof Zoo". Es faszinierte mich total. Ich habe es verschlungen und ich war noch mehr neugierig geworden nach Drogen und nach dem Leben, das darin beschrieben wurde. Für die Ratschläge von Sozialarbeitern, Therapeuten, Eltern und Lehrer hatte ich nichts übrig. Ich habe sie alle verworfen. Ich habe immer mehr gekifft, bis ich ein sehr einschneidendes Erlebnis hatte. Ich war im bekifften Zustand Auto gefahren, bin aus der Kurve gekommen und prallte voll gegen ein Haus. Es war furchtbar. Ich war wie gelähmt. Mindestens eine Stunde war ich voll weg – ohne Bewusstsein. Aber ich hatte einen Schutzengel. Ich kam wieder zu mir und mein Leben konnte weiter gehen. Daraufhin wollte ich nie wieder kiffen.

Aber das konnte ich nicht halten. Ich fing wieder an. Zunächst als Feierabenddroge, dann immer mehr und verstärkt auch Heroin, bis ich da ganz drauf war. Nun ging es richtig los. Es wurde schlimm und schlimmer mit mir. Das Heroin war mein Gott geworden. Dann kam ich ins Methadonprogramm, 12 lange Jahre lang. Es war wie ein inneres Gefängnis. Trotzdem hatte ich viel Glück im Unglück, und dennoch ging es immer weiter bergab. Ich brauchte immer mehr Drogen, um gute Gefühle zu kriegen und meine Minderwertigkeit zu unterdrücken. Ich war voll drogenabhängig geworden und habe mich benommen wie 'ne Sau. Im Dorf wollte mich niemand mehr, ich bekam volle Ablehnung und ich wollte mich auch nicht mehr. Mir war alles scheißegal. Ich klaute und dealte wie ich konnte. Insgesamt kamen 245 (!) Strafdelikte auf mein Register. Der Knast blieb nicht aus.

Alles was sich mir so wunderbar angefühlt und so verheißungsvoll begonnen hatte, entpuppte sich als Lug und Betrug. Ich landete im Aus. Und mit mir fast alle Leute, mit denen ich zusammen aufgewachsen war.

Den Knast konnte ich mit 'ner Therapieauflage verlassen. Das war letztlich mein Glück. Denn sie ließ mich den Weg ins Neue Land finden.

Im Neuen Land habe ich viel gelernt. Es gefiel mir gut, wenn es auch nicht alles Zuckerschlecken war. Ich musste mich mit meinen Gefühlen und meinem Wollen auf die richtige Bahn gelenkt kriegen. Jahrelang hatte ich mich selbst nicht mehr richtig wahrgenommen, ich hatte nicht richtig gelebt, mein Vertrauen zu mir und anderen war total erschüttert. Ich hatte Angst und dachte, dass ich das Leben nie richtig in Griff kriegen würde. Ich empfand mich als Weichei, zu schwach, meinen Weg zu gehen.

Ich habe oft geweint und habe Gott gebeten, dass er mir helfen möge, dass ich mich annehmen könnte und die Dinge meines Lebens in 'n Griff bekäme. Heute kann ich sagen, Gott hat mir immer geholfen. Ich danke ihm von ganzem Herzen. Ich kann zu mir Ja sagen und ich wachse als der Uwe, der ich bin. Ich habe meine Sorgen ausschütten können und neues Vertrauen bekommen. Mehr und mehr begreife ich, was Leben bedeutet. Ich lebe nicht mehr am Leben vorbei. Und Gott schenkt mir Kraft. Meinen Glauben an Gott erlebe ich als etwas Wunderbares, als etwas was mir zum Leben hilft. Ich brauche nicht mehr wegzulaufen. Ich bin innerlich nach Hause gekommen.

Es macht mir Spaß weiter zu lernen und dem Leben auf der Spur zu bleiben. Die Therapie liegt nun (2008) schon zwei Jahre zurück. Ich habe vor kurzem geheiratet, habe eine ABM-Stelle im Neuen Land und lebe in der Nähe des Therapiehauses in Amelith.

Wahnsinn, dass mein Leben noch mal so 'ne Wende bekommen hat! Ohne die Therapie im Neuen Land und ohne Gott hätte ich es nie geschafft! Das könnt ihr mir glauben."

Uwe