"Ich wollte nicht das Leben führen, das meine Eltern führten."


"Sie hatten sich nichts zu sagen und lebten mehr oder weniger an einander vorbei.
Liebe habe ich zwischen ihnen nie erlebt. Mein Vater war ein harter Mann, Kraftfahrer von Beruf und viel weg. Meine Mutter war Krankenschwester. Von ihr habe ich etwas Liebe bekommen. Aber ich richtete mich trotzdem mehr nach meinem Vater aus. Ich wollte auch so hart sein wie mein Vater.
Wir haben in Omsk gelebt, in Russland.
Als ich 12 Jahre alt war, ließen sich meine Eltern scheiden.
Ich bin dann bei meinem Vater geblieben. Von da ab war ich fast nur noch allein. Mit meinem Vater konnte ich nur reden, wenn er besoffen war. Meistens redete er mit seinen Händen. Ich bekam viel Schläge. Ich war dann auch kaum noch zu Hause. War viel bei meinem Onkel.
Dann habe ich mit ca. 100 Jungs zusammen in einem Heim gewohnt, wo ich meine Ausbildung bei einem Landwirt gemacht habe. Nebenbei habe ich angefangen zu rauchen und zu trinken.
Rauchen mit 10 Jahren, Alkohol mit 13 und Joints auch mit 13 Jahren. Meinen ersten Vollrausch hatte ich mit 12 Jahren, da habe ich mich auf einer Hochzeit vollaufen lassen. Im Heim war immer was los und ich lernte mich durchzusetzen. Mit 18 Jahren folgten zwei Jahre beim russischen Militär. Die Zeit hat mich härter gemacht. Es gab viele Schlägereien und der Alkohol war unser bester Freund. Ich nahm alles mit, was ich kriegen konnte und mein Gewissen stumpfte mehr und mehr ab.
1998, ich war mittlerweile 22 Jahre, zog ich mit meinem Vater nach Deutschland. Hier wurde das Leben um einiges schwieriger. Ich lernte Deutsch
und heiratete ziemlich schnell
ein Mädchen, das ich schon in Russland kennen gelernt hatte. Kurz darauf haben wir eine Tochter bekommen. Aber wir hatten einander wenig zu sagen und ich konnte mit meinem Leben nicht klar kommen.
Ich habe weiter getrunken und dann auch Heroin genommen. Der Alkohol machte mich zunächst locker und ich hatte Spaß, wurde dann aber meistens aggressiv. Mit dem Heroin habe ich mich ruhig gestellt. Ich dachte, Hauptsache mir geht’s gut. So konnte ich mich ertragen. Das Heroin hatte ich heimlich genommen, keiner durfte rauskriegen, dass ich abhängig war. Die Angst erwischt zu werden und das dauernde auf der Hut sein müssen, ließen mich immer tiefer in die Sucht geraten. Es war ein Kreislauf. Meine Frau konnte es mit mir schon lange nicht mehr aushalten und so wurden wir 2007 geschieden.
Ich war enttäuscht, war doch bei mir das gleiche Ergebnis herausgekommen wie bei meinen Eltern. Und genau so wollte ich nicht leben.
Vorher hatte ich eine Therapie begonnen, um meine Familie zu retten, doch es ging nicht mehr. Ich wusste auch noch nicht, was ich wollte. Ich wollte Gott kennen lernen, wollte aber auch das Leben genießen, in Diskos gehen, hin und wieder mal was trinken, locker mit Frauen sein und alles. Mit dieser Haltung ging dann wieder alles daneben.
Ich begriff, dass ich Therapie für mich machen muss, um mich wirklich zu verändern. Und das habe ich dann getan. Ich habe viel Zeit gebraucht, um mich zu öffnen, Vertrauen zu fassen und mich mitzuteilen. Aber es ging.
Ich lernte in der Therapie mit Gott zu leben und verstand immer mehr, dass Therapie etwas mit mir ganz persönlich zu tun hatte. Ich musste mich ändern, um ein anderer zu werden, damit ich mit mir und dem Leben klar kommen konnte. Ich begann meine Probleme anzugehen und meine Gefühle zu akzeptieren.
Heute kann ich nur sagen:
Es lohnt sich, seine Vergangenheit aufzuarbeiten, seine Probleme zu sehen und sich verstehen zu lernen. Die Therapie macht nicht kaputt, sondern sie macht heil und baut auf. Früher stand ich mit meinem Leben zwischen Sterben und Knast. Meinen Ausweg habe ich mit der Therapie gefunden.
Ich bin ein neuer Mensch geworden.
"Fürchte dich nicht, ich bin bei dir. Ich habe dich erlöst. Bei deinem Namen rief ich dich, du bist mein." So heißt es in einem Lied, das ich immer wieder gerne singe. Und so ist es. Ich muss mich nicht mehr fürchten. Ich bin angenommen und kann mich annehmen und darf leben.
Was ich dir sagen möchte, wenn du noch drauf bist: Du hast nichts zu verlieren. Probier mal den Schritt und mach 'ne Therapie. Öffne dein Herz für Gott und lerne ihn kennen. Du kannst nur gewinnen.
Ich habe inzwischen eine neue Familie gegründet. Habe eine liebe Frau und zwei Stiefkinder. Habe gute Freunde unter Ehemaligen, die auch clean leben und kann mich mit ihnen austauschen. Ich habe meinen Schulabschluss nachgemacht und mache jetzt eine Ausbildung zum KfZ-Mechatroniker. Habe meinen Führerschein zurückbekommen, meine Interferon-Behandlung mit einem positiven Ergebnis abgeschlossen und das Schönste ist:
Ich habe Liebe zum Leben und kann Liebe weitergeben."
 

Eugen